Archiv Karnevalspredigte 2000 mit Höhner-Texten

Komm loss mr fiere, nit lamentiere, jet Spass und Freud, dat hätt noch keenem Minsch geschad, denn die Tränen die du laachs, bruchs du net krieche, loss mr fiere op bönnsche Art!

Dieses kölsche Leedchen bringt es auf den Punkt, worum es in diesen Tag geht und ich möchte Sie einladen, an diesem Sonntag ein wenig darüber nachzudenken.

Es gibt in jedem von uns das tiefe Verlangen, aus uns heraustreten zu wollen, in eine gehobene Stimmung zu kommen und dies auch in körperlichen Bewegungen auszudrücken. Bei Kindern kennen wir dies nur all zu gut. Es ist vollkommen überdreht, sagen dann die Erwachsenen, wenn die Kinder nicht mehr aufhören wollen mit Lachen und Kreischen, wenn sie sich nur noch freuen wollen am Hier und Jetzt.

De Höhner, ne kölsche Band besingt nicht nur die Karawane, die weiterzieht, sondern beschreibt auch diese Situation:
Als Kind wird mir schon klargemacht
Du kriss Ärger, wenn du widder zu laut lachs,
Den Sonntagsanzug der versaus
in der Schule dich mit andern Jungs verhaus
Sei schön brav und still,
man krich nicht immer alles, was man will.

Lust auf Leben , Lust af Liebe, Lust auf Lust!
Lust auf Bratkartoffeln und nen fetten Kuss
Lust auf Leben, Lust auf Liebe, Lust auf Doll
Lust mein maul nicht zu halten, wenn ich soll
Lust auf dicke rote Grütze und auf jede kleine Pfütze
Lust auf Leben, Lust auf Liebe, Lust auf Lust!

Damit wir erwachsen werden konnten, wie sich die Gesellschaft dies vorstellte, hat man uns dies schnell ausgetrieben. Man beherrscht sich, bewahrt Haltung, achtet die Formen und was sonst noch alles.

Im Karneval jedoch bricht sich dieses Bedürfnis nach Ausgelassenheit jedes Jahr neu eine Bahn.

Wer das Treiben der Narren beobachtet, wird feststellen, dass es Unterschiede gibt: die einen nehmen diese Wochen als Anlass zum Ausgelassen-Sein, weil es nun mal im Kalender steht, für die anderen ist es Ausdruck einer Lebenshaltung, besser noch einer Lebenskraft, die das ganze Leben und nicht nur die närrischen Wochen bestimmt: es ist das Grundgefühl, es ist gut, dass ich bin.

Der grosse Theologe Karl Rahner fordert uns geradezu auf:
Lacht manchmal, lacht unbeschwert. Fürchtet nicht, ein bisschen dumm zu lachen und ein bisschen zu oberflächlich. Denn: "Du bist ein Mensch, sagt das Lachen".

Rahner betont, dieses Lachen erinnere den Menschen, dass er ein Geschöpf Gottes und im letzten endlich sei. Ich danke Dir Gott, dass ich bin, dass Du mich geschaffen hast, mich ins Leben gerufen hast, Dich für mich entschieden hast.
Die Freude, die daraus erwächst, kann sehr still sein und sich genauso schnell in lauten Freudesausbrüchen zeigen.

Das kölsche Lied ist ein Beweis dafür: ich habe es auf unzähligen Sitzungen erlebt, die die eben noch wie verrückt tanzten und sangen, wurden plötzlich ganz still und besinnlich. Feuerzeuge werden angezündet und es kommt eine festliche, besinnliche Stimmung auf, wie sie hier im Münster nicht tiefer sein könnte und doch erfüllt von einer grossen Lebenskraft.

Ja, ich habe den Eindruck, dass manches kölsche Leedchen klingt wie ein Lied im Gottesdienst und wenn beim Jubiläumskonzert der Bläck Föös die ganze KölnArena singt, dann erinnert das an das Te Deum, das früher bei kirchlichen Grossveranstaltungen aus tausenden Kehlen erklang.
Da gibt es unzählige Parallelen!

Ein paar Beispiele mögen überzeugen:
"Der liebe Gott weiss, dass ich kein Engel bin, en bisschen Teufel steckt doch in jedem drin", recht haben sie die Karnevalssänger. Was da von allen lautstark mitgesungen wird, ist biblische Botschaft die von vielen vergessen worden ist. Der Teufel, der Versucher, wir haben ihn gleichsam wegratioalisiert. Wir sprechen von der Umwelt, von den Medien, von den anderen, die uns beeinflussen, statt von uns selbst zu reden, die das Böse tun.

"Der liebe Gott weiss, dass ich kein Engel bin, das mit dem Himmel, das kriegen wir schon hin". Das klingt nach der rheinischen Überzeugung "der liebe Gott ist net esu, ist nicht so" das heisst er nimmt es nicht so genau. Wohlwollend gesehen, heisst es aber auch, dass der Weg in den Himmel nicht unmöglich ist, vor allem dass der Weg in den Himmel nicht gleichgesetzt werden darf mit Freudlosigkeit und Angst.

Im Mittelalter war das Lachen nicht umunstritten. Erinnern Sie noch an Umberto Ecos Der Name der Rose. Jorge von Burgos, fast erblindeter Klosterbruder, will als Verteidiger der Wahrheit verhindern, dass das bis heute verschollene Zweite Buch der Aristotelischen Poetik gelesen werden kann. Eco lässt dieses Buch vom Lachen handeln, das aber, so der greise Jorge, nur den Zweifel schüre. Jorge meint, das Lachen sei vom Teufel, weil es Autorität und Angst relativiere. Im Rheinland hätte er mit seiner Überzeugung keine Chance gehabt.

Bleiben wir noch ein wenig beim Himmel, er hat die Rheinländer schon immer fasziniert: "Wir kommen alle in den Himmel" hiess es in den fünfziger jahren. Heute singen die Bläck Fööss: Es gibt ein Leben nach dem Tod. Der Song ersetzt eine ganze Predigt. Ja da oben hoch im Himmel, da ist jeden Tag ein Fest, heisst es da mit voller Überzeugung und der Seher Johannes wird bestätigt, der in einer grossartigen Vision von einem grossen Fest im Himmel berichtet und auch Jesus verknüpft seine Botschaft vom Himmelreich immer wieder mit den Bildern eines grossen Festes.

Orgel erklingt, wenn die Bläck Fööss predigen (ins Hochdeutsch übersetzt): "Als unser Vater da oben die Welt gemacht, da hat er das schönste Fleckchen Erde genau hier bei uns an den Rhein gelegt, da nahm er die Kölsche an die Hand und sagte: das ist jetzt euch, das Gelobte Land, hä könnt ihr klüngele, bütze, singe und fiere, aber haltet mir um Gottes Willen das alles in Ehren und macht auch nicht nur ein teil davon kaputt, denn ihr wisst, ich sehe alles und dann nehme ich euch es wieder fort. " Prägnanter lässt sich der Glaube an die Schöpfung und auch die Verantwortung des Menschen für die Schöpfung nicht zusammenfassen. Was folgt ist der Chor aller Narren im Saal: "o lieber Gott, gib uns Wasser, denn ganz Köln hat Durst. Und helf' uns in der Not!"

Das ist alles: Katechese und Gebet in einer Karnevalssitzung, das mag uns Rheinländern einmal jemand nachmachen.

Aber auch der Nächste kommt in den Liedchen nicht zu kurz:
"Drink doch enen met", die Einladung an den einsamen hat inzwischen eine Rap-Fassung bekommen. "Do han sen en dr ärm genommene on alles wor wieder joot" - heisst der Refrain einer Beschreibung des Alltags, einer Kündigung, eines Autounfalls.
Manchmal kann die Nähe eines Menschen gesund machen, lautet die hochdeutsche Zusammenhang dieser Botschaft.

"Wann jeiht der Himmel uch für mich widder op, wann schingk de Sonn ens widder? Simmer denn nit alle he Brüder, wann jeiht dr Himmel wieder op?" fragen die Höhner in einem Liedchen angesichts der Menschen ohne Hoffnung. Erlöschung, das ist ihre Botschaft, ist gleich dem offenen Himmel.

Manchmal blicke ich etwas neidisch in das Alte Testament und auch hinüber zu unseren jüdischen Schwestern und Brüdern. Da gibt es fast kultische Ausdrucksformen der Freude und des Glaubens. David, der vor dem Herrn tanzt (2 Sam 6,14) oder die Prophetin Mirjam, die Schwester Aarons, die Befreiung aus Ägypten mit einem grossen Tanz preist: "(Sie) nahm die Pauke in die Hand und alle Frauen zogen mit Paukenschlag und Tanz hintern ihr her. (Ex 15,20)

Gewiss, es gibt auch Phasen, in denen es ihnen nicht zum Lachen war.In der babylonischen Gefangenschaft sitzen sie an den Strömen von Babel und weinten, wenn sie an die Heimat dachten. Sie hängten ihre Harfen an die Weiden in jenem Land. (Psalm 137)
Doch schon für se galt, was Friedrich Nietzsche so beschrieben hat: "wer ein Warum zu leben hat, der erträgt fast jedes Wie."

Als die Gefangenschaft zuende ging und das Volk zurück nach Jerusalem ziehen konnte, da war wie es im Psalm heisst: Der Mund voll Lachen und die Zunge voll Jubel. Da sagte man unter den andern Völkern: " Der Herr hat an ihnen Grosses getan" Und das Volk singt: "Grosses hat der Herr an uns getan. Da waren wir fröhlich. Die mit Tränen säen,werden mit Jubel ernten.

Dies ist diese Situation, die unsere Lesung beschrieben hat. Im wiedererbauten Jerualem erinnert der Proiester Esra ds Volk an seine Geschichte mit Gott. Nicht Menschenwerk hat de Befreiung möglich gemacht, sondern allein Gottes Tat. Aus dieser Überzeugung heraus lässt sich leben und überleben und so kann er seine Verkündung zusammenfassen: Die Freude am Herrn ist Eure Stärke oder wie es in einer anderen Übersetzung heisst: Die Freude am Herrn ist Euer Schutz; Eure Kraft!
Es klingt durch die Jahrhundrete hindurch wie eine Einladung, nicht nur für die närrischen Tage!

In diesem Gottesdienst erklingt nun zum letzten mal das Halleluja: wir wollen festlich davon Abschied nehmen und uns schon darauf freuen, es an Ostern wieder singen zu können. So lade ich Sie ein zu diesem Halleluja das bis zum Aschermittwoch in dem Alaaf der Jecken seine Fortsetzung findet.
Die Freude an Gott. Halleluja ist unsere Kraft. Halleluja.

Wilfried Schumacher,
Pfarrer & Stadtdechant

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