Die Session 2004-2005 war sehr kurz und deshalb sehr intensiv für die Höhner. Sie wurden schon vor der richtigen Sessionsstart Schirmherren für die Benefizaktionaktion Blessemer Taler die während der Session Geld für das Kinderkrankenhaus Amsterdamer Strasse in Köln sammelte.

© Foto: Margaret Klose
Schom am 7. November erhielten Henning und Peter von dem Karnevals-Club Löstige Ströpp e.V. Stommeln 1976 die Ehrenmitgliedschaft als Danke für ihre jahrelangen Verdienste um den kölschen Karneval.
Bei der Sessionseröffnung auf dem Heumarkt wurde den Höhnern den Goldenen Ostermannbrunnen mit Urkunde für ihre jahrenlangen Verdienste im Kölner Karneval von der Willy Ostermann Gesellschaft überreicht.

Die Höhner bei der Prinzenproklamation.
Am Ende der Session erhielten die Höhner den Närrischen Oscar ür das Lied Länger und konnte in Zeitungen einen langen Artikel über sie gelesen werden.
Wir veröffentlichen hierunter den langen Zeitungsartikel und dann gibt es noch einige Fotos von den Höhnern während der Session

© Foto: Herby Sachs/Version
Hier spielt die Musik: Es gibt immer weniger Büttenredner und Solisten. Die Kultbands beherrschen die Sitzungsbühnen.
Die Ruhe vor dem Sturm. Nochmals die Stollen prüfen. Tiefes gleichmässiges Atmen. Bloss nicht den unsichtbaren Punkt an der Wand aus den Augen verlieren! Trainer Huub Stevens erinnert in der Umkleide des RheinEnergie-Stadions nochmals an das Hinspiel. Mit 2-4 ging der 1. FC Köln damals gegen Wacker Burghausen unter. "Ihr habt mit denen noch eine Rechnung offen!"
Die Ruhe vor dem Sturm. Zur gleichen Zeit zupft einige Kilometer Luftlinie vom RheinEnergie-Stadion entfernt Ralf, der Gitarrist, im Proberaum einige Akkorde. Janus verstaut sein E-Schlagzeug im Viva Colonia-Bus. Er erzählt Slim und Hossi einen Witz. Beide Techniker lachen. Eine John-Wayne-Parodie stakst an Gitarrenkoffern vorbei. Den Colt ersetzt ein Frikadellen-Brötchen, das Henning, Leadsänger, locker aus der Hüfte zum schnauzbärtigen Mund führt. "Höhner! Et jeht loss! Jetzt lasst uns unsere gottverdammte Pflicht tun."
Die Spieler schreiten durch dunkle Katakomben zum Licht. Riesige Scheinwerfer machen das Spielfeld zur Bühne. Der Viva Colonia-Bus rast durch die Kölner Nacht. Wie Glühwürmchen tauchen vor der Windschutzscheibe gelb-rote Ampeln auf. Sie ziehen pfeilschnell über dem Busdach dahin. Parken im absoluten Halteverbot. Hossi und Slim schleppen Instrumente durch den Nebeneingang. Die Höhner lümmeln noch in ihren Viva Colonia-Bussitzen. Bloss nicht den unsichtbaren Punkt da draussen im Dunkeln aus den Augen verlieren! Vor dem Haupteingang bibbert eine bunt kostümierte Warteschlange. Jetz jeht et loss!
Der winzige Raum neben der Bühne ist zu winzig für die Höhner, den stolzen Veranstalter, Hossi, Slim, den Reporter und die Paveier, die zu früh sind und nun auf ihren Auftritt warten müssen. Soundcheck? "Jibet nich!" Slim streift sich mit den Fingern durch die angegraute Langhaarmähne. "Einfach drupp!"
Also drupp: Die Jecken schwenken Leuchtstäbe, klatschen, grölen, jubeln, durcheinander, ohrenbetäubend laut. Vor dem RheinEnergieStadion warten noch 1.400 FC-Fans auf Einlass. Sie hören von draussen, wie die bereits Eingelassenen johlen, als ihre Mannschaft den Rasen betritt. Sie hören Höhner-Songs, von den FC-Fans traditionell zum Besten gegeben. Spielervorstellung. "Wir begrüssen: die Höhner!" Die Stürmer beziehen Position. Janus steht hinter seinem E-Schlagzeug. Henning richtet noch kurz das Mikrofon. Anpfiff. Also drupp!
Wie jeden Abend die Ouvertüre: Echte Fründe. Auf vier verschiedenen Bühnen wird sie heute noch viermal gespielt. Mit ihr Viva Colonia, Hey Kölle! Du bes e Jeföhl, Alles was ich will und Länger.
Die Ouvertüre: Der Kölner Schindzielorz schiesst aus 25 Metern auf das Tor von Wacker Burghausen. Podolski lenkt den Ball zum 1-0 für den FC in Netz. "Da simmer dabei, dat is prima! Viva Colonia", singen die FC-Fans. "Läänger! Lääänger! Wir bleiben hier einfach was länger" singen die Höhner. Sie halten ihr Versprechen nicht. Hossi und Slim bauen eilig die Instrumente ab. Ihre Arbeit begleitet der Jecken-Chor, der von Läänger gar nicht genug bekommen kann. Doch die Paveier drängen auf die Bühne.
Jede Geschwindigkeitsbegrenzung wird vom Viva Colonia-Bus konsequent ignoriert. Ausladen. Aufbauen. Schnell einen Kaffee im Backstage-Bereich. Drupp! Echte Fründe, Hey Kölle! Du bes e Jeföhl Länger Dann schiesst Marius Ebbers nach einem Doppelpass mit Lukas Podolski das 2-0 für den FC 15 Minuten später erhöht der Kölner Abwehrspieler Kostas Konstantinidis auf 3-0. So könnte es ewig weitergehen.
Geht es ewig so weiter? "Der Tag, an dem uns die Leute nicht
mehr sehen wollen, ist der Tag, an dem wir aufhören. Oder der,
an dem wir am Stock gehen." Henning knabbert an seinem
Müsliriegel, nippt an der Kaffeetasse.
Habt ihr nach 30 Jahren nicht manchmal genug vom Karneval? "Wir
müssen Überzeugungstäter sein, sind es auch."
Das Leoparden-Bühnensakko ruht neben Henning auf dem Stuhl.
Kaum verständliche Brocken eines Fussballkommentars wabern dank
eines Radios durch den Raum: "Halbzeit im Stadion X. club X
führt mit 4-0, dank L. Podolski!"
"Natürlich hat sich der Karneval verändert." Die traditionellen Sitzungen mit ihren Ritualen, dem ordenbehängten Greisen-Elferrat, dem nicht viel jüngeren Publikum, dem Nacheinander von Büttenrednern, Tanzgruppen, Bands, der steifen, gezwungenen Heiterkeit werde es bald nicht mehr geben. Stirbt der Karneval? "Im Gegenteil. Et kütt wat Neues". Dafür sorge die Jugend. Die feiere den Karneval eben auf ihre Art. "Und wie sieht die aus? "Dat wirste schon sin."
Wir blicken durch die Windschutzscheibe des Viva Colonia-Busses auf Schneeflocken, die wie Luftballons von einer schwarzen Hallendecke fallen. Sie zerfliessen auf Glas. Sie explodieren auf dem beheizten Rasen des RheinEnergieStadions. Der Freistos, der Kopfball von Alexander Voigt, das Tor. 5-0 für den FC.
An elf aufeinander folgenden Tagen singen elftausend Jecke samt einem Elferrat in der Lachenden Kölnarena: "Da simmer dabei, dat is prima! Viva Colonia." Von der nachtschwarzen Hallendecke fallen rot- gelb-grüne Luftballons. Sie explodieren auf hochgestreckten Feuerzeugflammen. Henning imScheinwerfer-Kegel. Henning im Leoparden-Bühnensakko: "Alles, was ich will, sind drei Punkte für 'n FC beim nächsten Spiel." Aus dem Hintergrund müsste Rahn schiessen. Rahn schiesst. Burghausens Keeper hält. Ebbers vergibt. Scherz versenkt zum 6-0. An dieses Spiel wird man sich in Köln noch lange erinnern.
"Ob ich mich an die Höhner erinnere? Die spielten 1977 schon für mich. Erst später wurden sie zu den Höhnern. Das dort an der Wand ist der Programmplan von einst. Über den ist die Zeit aber auch nicht spurlos hinweggegangen, über keinen von uns." Eberhardt Bauer-Hofner, Veranstalter der Lachenden Kölnarena, gebührt der Chefsessel. Dabei ist der gar kein Sessel, sondern ein schlichter Stuhl, über dem an der Wand das Wort Chef mit Filzstift geschrieben steht. Von diesem Chefstuhl blickt Bauer-Hofner gleichzeitig auf die Bühne und in das Rund der Arena. "Es ist schwieriger geworden. Die Leute haben kein Geld mehr und sparen nun auch beim Karneval." Hinzu komme, dass es immer weniger Solomusiker gebe und die meisten Büttenredner das Rentenalter schon überschritten hätten. "Die Büttenrede war wohl nur eine Zeiterscheinung."
"Das Fernsehen habe", so Bauer-Hofner, "den Karneval öffentlicher gemacht." Kölsch als Muttersprache des Fastelovend verliere zunehmend an Bedeutung. "Man will die Zuschauer in Bayern oder Sachsen halt nicht vergraulen."Das sei auch mit ein Grund dafür, warum immer mehr Comediens auf die Karnevalsbühnen drängen. Die hätten es zwar bei den Kölner Sitzungen schwer. Bundesweit garantieren sie jedoch Einschaltquote." Aber Bläck Fööss, Höhner und Co. singen doch nach wie vor auf Kölsch. "Schon, aber das sind die Stars des Fastelovend - und das seit Jahrzehnten."
Henning verspricht erneut, "Läänger! Lääänger!" zu bleiben. Elftausend stimmen mit ein. Was, wenn die Höhner irgendwann aufhören? "Dann kommt etwas Neues. Ich weiss nicht, was das sein wird. Aber es wird einen Umbruch geben. Es wird anders sein." Leerer? "Das ganz sicher!"
Mit Sicherheit wird Kölns Torwart Alexander Bade den Heber von Burghausens Stürmer Stefan Reisinger fangen. An einem solchen Tag könnte man auch eine Sporttasche zwischen die Pfosten stellen. Ein solcher Tag lässt keine Gegentore zu. Oder doch? Doch! 6-1 - der Ehrentreffer für Wacker Burghausen.
Et kütt wat Neues. Dat wirste schon sin." Das Neue ist eine zum Bersten gefüllte Halle in Köln-Vogelsang. Subtropisches Klima. Das Neue riecht nach Kunstnebel, Schweiss und verschüttetem Kölsch. Kein Elferrat, keine Orden, keine Rituale, kein "Rakete! Kommando: eins, zwei, drei", kein Dreigestirn, keine Büttenredner. Auf dem Bützje Ball feiert die Jugend den Karneval, Kölle, sich selbst und die Höhner, deren blosses Erscheinen das Publikum ausrasten lässt. Die Jecken sitzen nicht an langen Tischreihen, keine Kellner nehmen Bestellungen auf. Der Bützje Ball ist mehr Karnevalsparty denn Karnevalssitzung. 3.000 Jecken drängen sich in selbst geschneiderten Kostümen vor der Bühne. Henning könnte sie berühren. Die, die ihm die Hände entgegenstrecken, sind meist halb so alt wie er. "Echte Fründe ston zesamme."
"Die Leute stehen vor der Geschichte stramm", diktiert der Karnevalsforscher Wolfgang Herborn Tage zuvor dem Reporter am Telefon in den Kugelschreiber. Deshalb seien die Höhner das, was sie heute sind. Die Leute stehen beim Bützje Ball, aber sie stehen nicht stramm. Der Karnevalsforscher bittet erneut zum Diktat: "Der Fastelovend stirbt." Das Neue verdrängt die Tradition. Das Neue ist nur noch Feiern für den Augenblick. Der Reporter ist skeptisch: Ist das Neue nicht das Alte? Entspringt der Karneval nicht dem altgriechischen Dionysoskult? Beruft er sich nicht auf die Saturnalien, das römische Freuden - und Reinigungsfest? Schrieb nicht Lucian: "Es ist mir innerhalb der Saturnalien nicht gestattet, etwas Ernsthaftes oder Wichtiges zu tun, sondern bloss zu trinken, zu lärmen, zu scherzen und Würfel zu spielen?" Oder auf Kölsch: "Loss mer iere, net lamentiere".
Wir drängeln uns nach "Läänger! Lääänger!" schwitzend in dem viel zu kleinen Backstage-Raum. Hannes, der Bassist, bestreicht ein Schnitzel-Brötchen mit Senf. Er starrt kauend auf den unsichtbaren Punkt unmittelbar vor ihm: "Wir haben uns aus einer Karnevalszeit hinübergerettet, die es heute nicht mehr gibt." Wir umkurven mit Slim, Hossi und den Instrumenten den Innenraum Richtung Ausgang. Wir umdribbeln mit Christian Lell Burghausens verzweifelten Torwart Uwe Gospodarek. Wir versenken zum 7-1. Wir singen: "Einer geht noch, einer geht noch rein." Und einer geht noch rein - der von Matthias Scherz: 8-1. Der höchste Kölner Heimsieg seit 26 Jahren.
Dat Hätz vun dr Welt dat is Kölle. Und das Herz von Köln schlägt im Gürzenich. Zumindest einmal im Jahr, bei der Grossen Prunksitzung des Festkomitees Kölner Karneval. Alles ist hier luxuriöser, selbst die Umkleiden. Ralf wäscht sich am Waschbecken das Gesicht. Hannes reibt sich die müden Augen. Henning streift sich zum letzten Mal das Leoparden-Bühnensakko über. Um uns die Cheerleader des 1. FC Köln. Sie ziehen sich mit uns um. Sie treten mit uns auf, nachdem sie im Stadion aufgetreten sind. Bei uns die Spieler des FC, die vor der Fankurve den Fans applaudieren.
Neben uns "echte Fründe", die zesamme ston. Vor uns
die Kölner Prominenz in ihren Verkleidungen an den langen
Tischreihen, zwischen denen die Kellner patrouillieren. Hinter uns
der verlassene Rasen im RheinEnergieStadion. Weit weg von uns die
Spieler von Wacker Burghausen, die einen unsichtbaren Punkt zwischen
ihren Füssen fixieren. Hinter uns der ergraute Elferrat im
vollen Ornat. An den Seiten folgen Kameraungetüme beweglichen
Punkten auf der Bühne. Vor uns standen hier die Roten Funken
mit ihren roten Uniformen und weissen Hosen. "Rakete! Kommando:
eins, zwei, drei!" "Die Leute stehen stramm vor der
Geschichte." Die Leute stehen, aber sie stehen nicht stramm.
Sie feiern ihre Fussballmannschaft, ihren FC, ihre Stadt. Sie feiern Abschied, als
die Spieler in den Katakomben verschwinden:
"Hey Kölle, du ming Stadt am Rhing
he wo ich jross jewode ben
du bes en Stadt mit Hätz un Siel."
Feuerwerk. Funken explodieren im Gürzenich über den hochgestreckten Pompons der FC-Cheerleader. Abschied, Feierabend. "Wir haben uns aus einer Karnevalszeit hinübergerettet, die es heute nicht mehr gibt. Die Höhner als letzter Programmpunkt der Prunksitzung. "Einer geht noch, einer geht noch rein". Niemand geht, nicht die Fans, nicht die Jecken, nicht die Höhner. "Läänger! Lääänger! Wir bleiben heut einfach was länger. Warum? "Weil es chöön ist, so schööön ist."
Raoul Löbbert,
Rheinischer Merkur, den 03. Februar 2005
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