Archiv Höhner-Interviews

" Da simmer dabei" - die Höhner und der Sessions-Stress

Profi-Musiker zu sein ist kein Zuckerschlecken. Sicher, die ganz grossen Namen, die mit den zwölf Arena-Konzerten pro Jahr (in jedem Land eines), gehen es mitunter etwas relaxter an. Die kölsche Vorzeige-Band Höhner allerdings weiss wo sie herkommt und zollt ihren Wurzeln jedes Jahr erneut Tribut im grossen Sessions-Getümmel der Karnevalszeit. Nach 35 Jahren Dienstzeit ist die Band mittlerweile im gesamten deutschsprachigen Raum zu einem Top-Act avanciert, und das mitnichten nur als Stimmungskanonen. Schon immer legten die Höhner Wert auf Vielfalt, sei es bei der alljährlichen Klassik-Tournee, der Melange von Rock und Zirkus bei Höhner Rockin' Roncalli oder natürlich auch auf allen Langspielern der Band. So sind auch auf dem aktuellen Album 6:0 wieder jede Menge nachdenkliche Töne zu hören, obwohl die erste Single Ohne Dich geht es nicht wieder einen Karnevalskracher allererster Kajüte darstellt und sich bereits in den deutschen Singlecharts tummelt. Passend zur Hochzeit des Fastelärs erfuhr Alexander Kuffner im EM-Gespräch mit Höhner-Sänger Henning Krautmacher mehr über Stress, Disziplin und Tupperdosen...

Henning, gib uns zum Einstieg doch mal einen überblick über den ganz normalen Sessions-Stress.

Mit dem Begriff Stress hab ich immer so meine Probleme. Es macht sicherlich alles viel Arbeit, ist mühselig und kostet Kräfte, macht aber gleichzeitig auch Spass. Und genau das ist der Karneval, positiver Stress also. Und um den so gering wie möglich zu halten, haben wir vor zwei Jahren die Anzahl der maximalen Auftritte pro Tag auf fünf festgelegt. Klar, Ausnahmen bestätigen die Regel. Ein Tag in der Session schlägt zum Beispiel mit sieben Auftritten aus der Reihe, der erste davon tagsüber live und open air bei Radio FFH im Frankfurter Raum, die restlichen sechs dann Abends im Grossraum Köln. Das geht zeitlich nur mit dem Hubschrauber. Aber ein ganz normaler Sessionstag hat, wie gesagt, fünf Auftritte täglich.

Und der Ablauf eines solch normalen Tages?

Am Vormittag und Mittag ist Zeit für Privates. Familie, relaxen, usw. Ab dem frühen Nachmittag wird dann gearbeitet. Der eine guckt sich Fahrtstrecken an, der andere gibt Interviews, wieder andere nehmen Demos auf. Jens und Hannes beispielsweise sitzen in diesem Moment im Studio in Bad Münstereifel und arbeiten an einem neuen Song. So gegen 17.00 Uhr treffen wir uns alle am Höhner-Büro, wo schon der Backliner-Bus mit den Technikern und der Anlage sowie der Bandbus warten. Im Bandbus auf dem Beifahrersitz nimmt immer unser Janus Platz, er ist der Herr der City und hat ein fotographisches Strassengedächtnis. Und übrigens: wer mal ganz genau wissen will, wie so ein Höhner-Tag aussieht, der kann das jetzt jeden Tag auf www.hoehner.com im Internet tun. Wir haben so jecke neue Handys, mit denen wir täglich etliche Filmchen drehen, die fast zeitgleich direkt uf unsere Seite geladen werden. Quasi Höhner-TV. Das macht 'nen irren Spass!

Wie lange dauern denn die einzelnen Auftritte?

Offiziell laut Vertrag zwanzig Minuten, aber wir kalkulieren immer dreissig, geben also immer echte Zugaben. Die Veranstalter machen das genauso. Auf den Programmen sind wir meistens mit einer halben Stunde Länge angegeben. Wir achten auch immer sehr darauf, pünktlich zu sein, sonst geht gar nix. Fünfzehn Minuten vor Auftrittsbeginn sind wir immer da. Dazu musst du die Aufbauzeit, die Strassenverhältnisse und andere Eventualitäten einrechnen. Macht also insgesamt eine Stunde zwischen den Auftritten. Und je nach dem wie alles gelaufen ist, sind wir dann zwischen 01.30 Uhr und 03.00 Uhr morgens zu Hause.

Positiver Stress hin oder her - das klingt nach Knochenarbeit. Wie bekommt Ihr das körperlich geregelt, Ihr seid ja auch keine 25 mehr?

Erstens durch sehr konsequentes Verhalten was Alkohol angeht. Wir trinken während der Session nämlich gar nichts...

Kein einziges Kölsch?

Sicher kommt es vor, dass du irgendwo ein Kölsch hingehalten bekommst. Klar nippt man dann mal aus Freundlichkeit dran. Aber so zwei, drei Feierabendbier sind einfach nicht drin. An unseren freien Tagen, also Montag oder Dienstag, genehmigt man sich zu Hause vielleicht zum Essen mal ein Gläschen Wein oder Kölsch, aber während der Session schüttet sich keiner von uns richtig einen rein. Der zweite Punkt ist, dass Karneval sowieso nur aus den zwei B, also Bühne und Bett - bestehen. Wir müssen, komme was wolle, jeder acht Stunden Schlaf haben.
Und jeder macht seinen Sport. Zusammen Tennis spielen ist für Janus und Peter zwei bis dreimal die Woche heilig, Ralle geht Reiten, Hannes fährt intensiv Fahrrad, draussen oder auf dem Hometrainer und Jens und ich sind die Jogger vor dem Herrn. Zwischen vierzig und fünfzig Kilometer pro Woche sind bei mir normal.
Und natürlich die richtige Ernährung. Wir haben jeden Tag kleine Care-Pakete mit im Bus. So vor zwei Jahren haben wir mal die Entscheidung getroffen, dieses überteuerte Fast Food Essen in den Sälen nicht mehr zu uns nehmen. So'n Phosphat-Schlauch (Anm. des Interviewers: Bockwurst) zum Beispiel. Das ganze Glas gibt es beim Aldi für ein paar Cent und im Saal kostet jeder einzelne vier Euro. Nene, dann lieber unsere Tupperdöschen mit Obst, Gemüse und belegten Broten - ist gesund und man weiss, was man hat!

Das ist ja wie auf Klassenfahrt...

Jenau - und dat is schön! Man guckt auch immer so wat hätt der andere und tauscht. Ich bin immer ganz interessiert an Hannes leckeren Eifel-Äpfelchen. Es gibt auch mal ein Schokolädchen im Bus, Nervennahrung muss ja auch sein.

Also, alle Vorkehrungen für einen reibungslosen Sessions-Ablauf sind getroffen, aber trotzdem müsst Ihr jeden einzelnen Abend fröhlich sein. Spass auf Knopfdruck also, auch wenn jemand mal persönliche Probleme hat oder kränkelt. Wie knipst man das an?

Wir hatten schon solche Fälle, dass etwa Elternteile gestorben waren und wir trotzdem auf die Bühne mussten. Da macht man natürlich gute Miene zum bösen Spiel und die anderen müssen denjenigen der betroffen ist ein bisschen mittragen. Aber generell, wenn es nicht gerade ein Trauerfall ist, gilt: wenn dir dein Job Spass macht, dann klappt es immer mit dem Lächeln.

Mir macht mein Job auch Spass, aber es gibt Tage...

Richtig, die jibbet. Aber die beste Medizin sind die bei Auftritten freigesetzten Endorphine und das Adrenalin. Wenn Du siehst, dass die Leute aufstehen weil Du reinkommst, lauthals mitsingen und alle dich anlächeln, das ist schon toll, bei jedem einzelnen Auftritt. An dem Gefühl ändert sich auch nach zwanzig Jahren nix. Es gibt aber wohl auf die ganze Session bezogen ein bekanntes Höhner-Phänomen. Wir beginnen mit wehenden Fahnen und Enthusiasmus. In der Mitte, bei ungefähr hundert Auftritten, ist so langsam der Tiefpunkt erreicht. Man hat Bedenken, ob es allein physisch zu schaffen ist. Aber sobald dann das Bergfest war und wir rückwärts zählen können, ändert sich auch schlagartig die Stimmung wieder. Zum Ende hin mobilisieren wir dann noch mal die letzten Kräfte, aber man merkt es gar nicht. An so einem Tag wie Weiberfastnacht machen wir dann plötzlich dreizehn Stunden lang elf Auftritte hintereinander.

Da macht man aber dann drei Kreuze am Aschermittwoch, oder...?

Die machen wir schon an Karnevalsonntag. Das ist ein Privileg, dass wir uns nach so vielen Jahren herausgenommen haben: Rosenmontag und Karnevalsdienstag selber feiern zu können! Sonntags um 22.04 Uhr machen wir in der Kölnarena den letzten Bühnenauftritt und wenn wir von der Bühne kommen steht in einem kleinen Nebenraum für uns und die gesamte Höhner-Belegschaft ein Pittermännchen bereit.

Und was ist, wenn mal einer krank wird?

Das ist schon vorgekommen, sicher. Für einen begrenzten Zeitraum gilt aber der alte Spruch "Jeder ist zu ersetzen". Ralle fiel schon mal aus, Hannes und Peter auch. Es ist zwar schwer für die Band, weil man total aufeinander eingespielt ist, aber es gibt in unserem Umfeld so viele, gute Musiker, die man innerhalb weniger Stunden einarbeiten kann, dass immer einer in den Startlöchern steht. Aber bevor sich einer von uns ins Bett legt und krank macht, muss er schon zwei Messer im Rücken haben.

Wie stehst Du eigentlich zu Volksmusiksendungen im TV, in denen Ihr ja auch ab und zu auftretet?

Wir finden, da kann ich für alle sprechen, dass Musik keine Grenzen kennt. Dieses Phänomen zwischen Musikrichtungen zu werten ist in Deutschland ganz stark vertreten, das gibt es im Ausland nicht so. Die Höhner bedienen eigentlich alle musikalischen Sparten die es gibt: Rock, Pop, Schlager und auch Volkstümliches. Aber wir würden nie die Texte schreiben, die man landläufig mit Volksmusik in Verbindung bringt, das ist nicht unser Welt.

OK, es gibt mit Sicherheit Volksmusik die vielleicht nicht jedermanns Sache, aber gut gemacht ist. Aber es gibt auch viel Schrott. Und in solchen Sendungen wird eben beides gebracht. Da ist ja die Frage, ob sich die Höhner, wenn sie dort auftreten, auch mit allem identifizieren können.

Wir massen uns aber nicht an zu sagen, was Schrott ist und was nicht. Alles, was an Musik in irgendwelchen Menschen irgendwelche positiven Gefühlsregungen weckt, hat eine Daseinsberechtigung. Man muss es nicht mögen, das ist eine andere Geschichte. Es gibt keine gute und keine schlechte Musik, nur handwerklich gut und schlecht gemachte. Und wir machen unser Handwerk gut. Richtig schlecht gemachte Sachen, wie jetzt zum Beispiel Küblböck damals, sind leider momentan ein Geschwür der Zeit. Heutzutage versucht man gerne aus Scheisse Geld zu machen.

Kurz weg von der Musik und hin zu Köln. Gibt es für Dich irgendwann im Jahr mal einen Moment, wo Du Köln einfach nicht mehr sehen kannst?

Nein, das würde ja bedeuten die Heimat zu verleugnen. Aber es gab schon Momente, in denen wir uns als Band selbstkritisch gefragt haben, ob es nicht bald mal genug ist mit der Kölschtümelei. Wo mir sin is Kölle, Hey Kölle! Du bes e Jeföhl, Dat Hätz vun dr Welt is Kölle. Irgendwann mal muss ich mir da doch die Frage stellen, ob es noch andere Städte in der Welt gibt. Aber abgesehen von der Musik... Wenn ich mal mehr als drei Tage entfernt bin, hab ich schon ein bisschen Heimweh - irgendwas muss diese Stadt ja haben!
Aber klar gib's Momente, wo man einfach mal raus muss. Aber das ist ja meistens im Dienste der Höhner. Und wenn wir in München, Hamburg oder Hannover spielen vertreten wir ja auch Köln.

Aber nicht nur als Botschafter, auch zu Hause ist es ja wichtig, dass ihr echtes Kölsch singt. Wie achtet Ihr auf die Rechtschreibung?

Im Zweifelsfall, wenn wir gar nicht mehr weiter wissen, dient als Nachschlagewerk der Adam Wrede. Das Lexikon benutzt auch die Akademie för uns kölsche Sproch soweit ich weiss. Aber wir sind da nicht päpstlicher als der Papst und es fliesst auch schon mal ein bisschen rheinisch hinein. Nur, wenn es offiziell wird und es um die Titel oder Texte im CD-Booklet geht, dann schauen wir schon richtig nach.

Wann habt Ihr eigentlich in Euren Augen die Bläck Fööss überholt?

Ach, ich will gar nicht von überholen sprechen. Es gibt so viele kölsche Bands, und jede ist mal vorne und mal hinten oder im Mittelfeld. Jetzt gerade ist vielleicht ein Moment, in dem wir vorne liegen, das mögen andere entscheiden. Aber dat heisst janix. Bloss nie die Hände in den Schoss legen!

Ihr seid einer der in Deutschland angesagtesten Stimmungskracher, gleichzeitig auch eine sehr nachdenkliche Band mit ruhigen Tönen und Klassik-Tourneen. Fühlst Du Dich da manchmal hin-und hergerissen? Hattest Du nie den Drang, beide Seiten zu trennen, vielleicht in verschiedenen Bands?

Nein, im Gegenteil. Das macht das ganze ja so lebenswert! Gerade durch das Aufteilen des Jahres wird es für uns so schön abwechslungsreich und für die Zuschauer natürlich auch. Es ist ja immer schwieriger, Konzerte auszuverkaufen. Die Leute überlegen sich einfach wieviel Höhner Konzerte brauche ich denn noch? Bei uns kommen sie aber bis zu vier mal: Höhner Classic, ein normales Open-Air im Sommer, Höhner Rockin' Roncalli Show und im Karneval. Bei letzterem sind wir die reinen Stimmungskracher, so sehen wir das auch. Da werden auch keine tiefgreifenden Balladen gespielt. Bei der Klassik-Geschichte wollen die Leute sich aber auch mal fallen lassen, da darf ruhig mal ein Tränchen verdrückt werden. Und bei normalen Konzerten macht es dann die bunte Mischung.

Wie viele Eurer bekannten Gassenhauer sind überhaupt aus dem Irischen adaptiert?

Die irischen Volkslieder welche dabei geholfen haben, die Höhner bekannt zu machen, waren zum Beispiel Echte Fründe oder Ich ben ne Räuber, wobei Räuber auch schottisch sein kann, das weiss ich nicht mehr genau. Aber inzwischen läuft es sogar schon umgekehrt: Minsche wie mir zum Beispiel stammt von uns, und Galleon, unsere Freunde aus Cork in Irland, haben es gecovert. Genauso wie Kum loss mer fiere oder Kumm halt mich fest. Aktuell auf dem neuen Album ist Wir haben noch lange nicht genug, welches zwar irisch instrumentiert, aber eine Eigenkomposition ist.

Ihr lasst Euch aber auch Ideen von aussen kommen, oder? Die Karawane zieht weiter... ist doch durch die Antwort auf eine Anzeige entstanden?

Es gibt eine Anzeigenplattform die nennt sich Songs Wanted, da bieten Texter und Komponisten ihre Werke auf dem freien Markt an. Unsere Plattenfirma hat uns da auch mal auf die Liste gesetzt und wir haben uns alle Einsendungen wohlwollend angeguckt. Man kann als Faustregel sagen, dass wir achtzig Prozent unserer Songs selber schreiben, aber auch ein paar von Fremdautoren dabei sind. Die Geschichten mit der Karawane geht entweder auf Songs Wanted oder auf ein eingesandtes Manuskript zurück, das weiss ich nicht mehr genau. Jedenfalls haben uns irgendwann zwei Mädels hier aus Köln diese Lautmalereien, also dieses Dummernitdummernitdummernit, hammernithammernithammernit vorgeschlagen. Das fanden wir geil, da musste ja aber noch ein Refrain her. Den haben wir geschrieben und den groben Song in Düsseldorf am Publikum ausprobiert. Das Ding war sofort ein Knaller. Dann haben wir alles ausgeschmückt und am Ende war es ein Gemeinschaftswerk von Fans und Band.

Haben die Mädels denn auch mal einen Euro gesehen?

Die sind mehr als glücklich mit der Situation. Ausgesorgt haben sie vielleicht nicht mit den GEMA-Tantiemen, aber es ist schon 'ne kleine Rente für die beiden.

Alexander Kuffner
Eifelmagazin 02 2006

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