Herr Krautmacher, Herr Schöner, die Höhner sind inzwischen bundesweit bekannt. Nicht nur durch die Musik, sondern auch wegen des Lebensgefühls, das die Band transportiert: die Höhner sind Kölle, sind Köln. Wie funktioniert denn so etwas in München, Hamburg, Berlin?
Henning: "Also, zum einen wird unser Fankreis immer grösser. Und: wir haben quasi Hilfestellung im Publikum. Denn die Kölner sind, glaube ich, wie die Iren: sie sind über die ganze Welt verteilt. Du findest immer Enklaven, so kleine Inseln im Publikum. Ganz deutlich, das spürst du auf der Bühne. Das sind drei, vier Kölsche, die so eine Enklave um sich geschart haben im Publikum - Münchner, Berliner, Hamburger. Und die lassen sich dann von diesen kleinen Inseln anstecken - und werden auch belehrt: So, jetzt kommt die und die Nummer, und wenn Du ein Wort nicht verstehst, dann helfen wir dir. So ein bisschen Schützenhilfe also. Und wir merken dann, wie das in konzentrischen Kreisen aus verschiedenen Punkten im Publikum weitergeht. Und am Ende sind dann alle eine grosse kölsche Familie."
Hannes: "Es ist inzwischen schick, kölsches Lebensgefühl zu demonstrieren. Die Menschen finden es toll, kölsche Lebensattitüden für ihr Privatleben zu adaptieren und nachzuvollziehen. Einer der wichtigsten Gründe dafür ist ein grosser Hit der Höhner, nämlich Viva Colonia. Dieses Lied hat seit fünf Jahren einen unvergleichlichen Siegeszug angetreten. Gar nicht mal so sehr in verkauften CDs, aber der Song ist omnipräsent auf allen Veranstaltungen, wo Menschen feiern. Und zwar in ganz Deutschland, aber auch in Österreich und der Schweiz, überall wird Viva Colonia gesungen - spätestens seit der Fussball-WM im letzten Jahr."
Kann man so etwas planen?
Henning: "Nein, kann man nicht. Da kann man nur dankbar sein,dass es funktioniert hat. Im Gegenteil: bei einem Song, der sich mit so archetypischen Dingen wie Millowitsch oder der Kölnarena befasst - ich meine, was interessiert denn einen Münchner, dass wir ein Millowitsch-Theater haben. Aber das ist den Leuten egal. Die finden das authentisch. Und ich glaube, das Wichtigste bei dem Song ist das, was man den Kölnern, den Rheinländern insgesamt nachsagt: Ein unglaubliches Wir-Gefühl. Das Rheinland steht zusammen."
Hannes: "Da simmer dabei" ist die Headline des Songs, die Hookline, die sich festhakt bei den Menschen. Wir leben in einer Zeit, wo die Menschen immer mehr zu Singles werden, wo jeder für sich allein sein eigenes Ding macht. Und da ist die Aussage "Da sind wir dabei", also nicht nur zusammenzustehen, sondern zusammen zu feiern, zusammen zu leben, offensichtlich eine sehr zentrale Aussage."
Nun kann man dieses Lied auch als Nicht-Kölner gut verstehen...
Hannes: "Aber die Leute bemühen sich, auch kölsche Texte zu verstehen. Die bemühen sich ja genau so, englische Texte zu verstehen. Und Kölsch ist ja nun keine völlig abstrakte Sprache: Die Wörter sind teilweise für den Nicht-Kölner ein bisschen verbogen, aber mit ein wenig Mühe doch nachvollziehbar."
Henning: "Wir geben ja gerne zu, dass wir auch mal gedacht haben, wir müssen jetzt mal Texte verfassen, wo wir das Kölsche völlig vergessen. Das hat allerdings überhaupt nicht funktioniert. Ich glaube, Authentizität ist das Zauberwort - dass man ehrlich zu sich selber ist, dass man sich nach aussen nicht verbiegt und falsch darstellt. Das merken die Leute sofort, dass das alles nur eine Fassade ist. Und, da hat der Hannes völlig recht, es ist offensichtlich auch wieder hip, sich mit einem solchen Dialekt auseinanderzusetzen. Dazu sind die Leute bereit, die wollen das verstehen."
Hannes: "Hier kommt noch ein Phänomen dazu: in Zeiten der Globalisierung ist natürlich die Frage nach der Identität - wer sind wir und mit was identifizieren wir uns? - viel stärker geworden als in früheren Zeiten. So wie wir das beobachten, läuft es doch darauf hinaus, dass man sich nicht mehr unbedingt mit Deutschland identifiziert, sondern eher mit einer Region. Und die Höhner sind Vorreiter einer ganz starken regionalen Kultur. Für die Menschen in München, Hamburg, vor allem aber auch in der Provinz, für die hat die Höhner-Botschaft so eine Art Vorbildfunktion. Die würden das gerne für sich auch so haben. Aber die Kölner sind nun mal die, die am meisten über ihre Stadt und ihre kölsche Lebensart zu singen wissen. Und dann werden die Höhner-Songs eben adaptiert für das eigene Lebensgefühl. Das ist eine ganz interessante Chemie."
Anderswo gibt es das nicht?
Henning: "Na ja, die Spider Murphy Gang in München, das waren auch Leute, die Milieustudien betrieben haben. Es gab mal Versuche in der Hamburger Szene, oder in Berlin. Aber immer nur ganz, ganz wenige. Aber das waren auch Bands, die so arbeiten wie wir, die den Leuten aufs Maul schauen, die auch mal einen Alltag analysieren und beschreiben, die auch diesem Wir-Gefühl mal ein bisschen Hilfestellung geben."
Hannes: "Wir müssen natürlich auch mal das böse Zauberwort beim Namen nennen. Wir haben eine Tradition, aus der wir kommen und das ist der Karneval. Und dieser Kölner Karneval ist ja weitaus mehr als das, wie er von ausserhalb betrachtet wird. Der Karneval hat mit Tradition, mit Brauchtumspflege,mit einer ganz bestimmten Mentalität zu tun. Und er bietet ganz vielen Musikern ein riesiges Podium. Die können da alle spielen. Durch das Livespielen entwickelt sich eine Sanges- und Singkultur. Und das ist in Köln eben einzigartig. Ich wüsste nicht, wo es sonst etwas Vergleichbares gibt."
Aber ist das nicht auch ein Problem für die Höhner? Wo immer gespielt wird, erwarten die Leute Karneval.
Hannes: "Schon lange nicht mehr. Das hat sich doch drastisch verändert."
Henning: "Und wenn sie es denn tun dann kommen sie oft nach Konzerten zu uns und sagen: "Wir wussten ja gar nicht! Wir dachten, bei euch gibt es immer nur "En der Kamellebud jitt et Kamelle". Oft bedanken sich die Leute auch bei uns und sagen: "eure Lieder, eure Texte, die haben mir in schwierigen Lebenslagen geholfen.""
Hannes: "Kölsche Lebensart ist eben bei weitem nicht nur Hau drauf und Schluss und wir kloppen die dicke Trumm. Nein, sie hat ganz philosophische Grundlagen. Und wir formen eben kleine Songs aus diesen philosophischen Inhalten. Mal langsam, mal schnell, mal eher besinnlich, mal lustig - das ist ein grosses Spektrum von Qualitäten."
Und jetzt die ganze Philosophie in einem Satz - was macht für euch Köln aus?
Hannes: ""Die Trone, die do laachs, musste nit kriesche."
Henning: "Die Tränen, die Du lachst, musst Du nicht weinen. Ja, das ist so ein Kernsatz. Die Kölner sagen von sich "Wir schunkeln an den Sorgen, an dem Kummer nicht vorbei. Aber diese zwei, drei Stunden, die wir feiern, können so viel Kraft geben, die Batterien wieder aufladen, dass man danach entsprechen vorbereitet ist, mit Kummer und Alltagssorgen umzugehen."
Wie sehen Sie die Stadt selbst? "Die schönste Stadt Deutschlands", wie es der Stadionsprecher beim FC sagt?
Henning: ""Alles, was man mit Liebe betrachtet, ist schön", hat Christian Morgenstern gesagt. Und dass man den Kölnern nachsagt dass sie selbstverliebt sind, das ist doch wunderbar! Man muss doch das Positive sehen. Wenn sie so glücklicher sind, das ist doch wunderbar. Ist doch besser, die Flasche halb voll als halb leer zu sehen."
Hannes: "Unser Freund Bernhard Paul, der Direktor des Circus Roncalli, ist ein Wiener. Wien ist nun eine der schönsten Städte überhaupt - doch er ist inzwischen mit Leib und Seele Kölner, weil er sagt: Die Wiener kommen von der Mentalität bei den Kölnern lange nicht mit. Das hat meiner Meinung nach auch damit zu tun, dass Köln im Krieg so völlig zerstört war, chirurgisch zerbombt. Und das Einzige, was die Kölner hatten nach dem Krieg, war ihre Lebensart. Und darauf haben sie eben wieder eine Identität aufgebaut."
Wie hat sich denn der Karneval verändert in den Jahrzehnten, in denen Sie ihn beobachten?
Hannes: "Der Karneval ist immer grösser geworden. Immer mehr Leute verdienen Geld daran. Und das hat natürlich auch Auswüchse mit sich gebracht. Manche Dinge waren früher mit Sicherheit natürlicher, gewachsener, die sind heute aufgeblasen. Diesen Sauftourismus, den gibt es. Aber das ist nicht unsere Welt. Wir glauben sogar, dass sich der Karneval im Lauf der nächsten Jahre ein bisschen gesundschrumpfen wird."
Kann man den Kölner Karneval denn exportieren - nach Mallorca oder auf eine Skihütte?
Henning: "Nein."
Hannes: "Man hat uns das mal vorgeworfen, dass wir genau das versuchen würden. Doch das ist nicht unsere Zielsetzung. Wir haben Lieder, die karnevalskompatibel sind, die aber auch darüber hinaus ihre Bedeutung haben. Und das funktioniert. Die Leute erkennen genau, welches Lied welche Seite ihrer Seele anspricht."
Henning: "Man kann ja auch nicht den Hahnenkamm aus Kitzbühl nach Köln verlegen, nur wenn es hier einmal schneit. Der Karneval in Köln ist in besonderer. Wir haben es ausprobiert: wir sind Rosenmontag auf dem Wagen in Mainz mitgefahren. Das sind Welten! Selbst der Zug in Düsseldorf ist ja schon ein völlig anderer als hier in Köln."
Wie lange stehen die Höhner noch auf der Bühne?
Henning: "Solange uns die Ideen nicht ausgehen und das Publikum uns haben will. Man muss nur in Würde altern und darf nicht den Clown geben.">
HSG Hörfunk Service Gesellschaft
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