Am 04. Mai fing in Aachen eine neue Reihe des Programms SingSalaBim , der Höhner Rockin' Roncallishow an. Das Programm von Köln 2004 wurde einigermassen geändert.
Eigentlich sind sie gute Bekannte in Aachen. Die Roncallis sind ja schon fast so etwas wie Öcher ehrenhalber, und die Höhner - die muss man ja quasi fast adoptieren wollen. Kurz vor der Premierenvorstellung ist die Spannung fast greifbar. Gut, dass da der alte Roncalli-Trick greift.
Clowns und sonstige liebenswerte Blödmänner witzeln mit dem Publikum herum. Die Verfolger-Scheinwerfer zeigen einen Jux hier, ein Spässchen dort. Traut sich der Clown, zu Ulla Schmidt in die Loge zu springen? Nein, er traut sich nicht. Vielleicht wegen der Vielzahl an sehr nüchtern dreinschauenden Leibwächtern.
Ein bisserl Lampenfieber haben einige an diesem Abend. Zum Beispiel die kleinen Zauberer vom Kinderzirkus Configurani mit ihrem Mentor Krenne Aymans. Denn sie sind bei der Eröffnung und im Finale, jeweils in den Schlüssselszenen, mit dabei.
Lampenfieber haben aber auch die Protagonisten."Können wir ein Interview vor der Premiere bekommen?", fragen Fernsehjournalisten. "Nein, leider, leider nicht", sagt der Pressesprecher von Roncalli. Der Grund: die hohen Herren aus Köln, versiert auf ungezählten Bühnen, sie haben Lampenfieber, sind nervös, fürchterlich aufgeregt.
Letztlich ist dann doch alles in Butter. Die Premiere ist ein Traum, die Grossen und die Kleinen liefern perfekte Arbeit ab, aus vielen einzelnen Programmpunkten wird ein Abend, ein Programm, das zum Träumen verleitet, das runtergeht wie Öl und Balsam ist für die Seele.
In der Pause hat sich das Lampenfieber gelegt. Henning Krautmacher, der selbst ernannte Frontmann der Kölner Ausnahmemusiker, ist jetzt nicht nur ansprechbar, sondern sogar ziemlich redselig. "Freut mich", sagt er, "wieder in Aachen zu sein. Nein, ich übernachte jetzt nicht jeden Abend hier. "
Aber immerhin: ab und an. Dann haben Fans die Chance, ihn und seine Kollegen in der Stadt an einer schönen Theke kennenzulernen. Pläne? "Wir haben gehört, vornan in Belgien soll das Essen so gut sein." Aha. Und sonst? "Die Golfplätze hier sollen ja auch sehr schön sein."
Das täte richtich jot zur Entspannung. Schliesslich seien die Höhner so ziemlich ständig auf Achse. Also: Aachen finden sie schön und freuen sich auf ein langes Gastspiel, vielleicht auch mit Verlängerung. Das könnte durchaus drin sein. Zumindest, wenn man sieht, wie viele Höhner- und Roncalli-Fans sich die Füsse in den Bauch gestanden haben, um eine der 1.450 Eintrittskarten für den besonders festlichen Premierenabend zu sichern.
Felix Lennertz
Andreas Schmitter: Fotos
Aachener Zeitung, den 6. Mai 2007
Nach vier Jahren sind sie wieder da, und wie! Die Kölsche Jongs (und Mädchen), die auf so unnachahmliche Art und Weise Musik und Manege miteinander verbinden. Und dass die Summe von Roncalli und den Höhnern viel, viel mehr ist als nur die Summe von Zirkus und Musik, das konnten, nein, durften, bei der Premiere im Zelt am Aachener Reitturniergelände am Freitagabend 1.450 geladene Gäste erleben.
Alles fängt mit einer Fratz an: Kolarius, der fiese, bös aussehende Typ im orientalischen Gewand, er leitet ein ins Geschehen in der Manege, in der die Erfolgskombination aus Köln schon vor Programmbeginn so typisch das Publikum mit kleinen Spässchen, Stand-up-Comedy und Heiterkeiten belustigt. Kolarius ist der, der aus einem Mädchen mit Rollschuhen in einer Art Schlüsselszene in Windeseile eine erwachsene Frau zaubert, frei nach dem Motto: So schnell ist die unbekümmerte Zeit des Lebens vorbei. Oder?
Kolarius, krumme Nase, fiese Warze mit Haarwuchs am Kinn und sonst nicht sonderlich sympathisch, hat ziemlich schnell nichts mehr zu melden. Denn wie ein Feuerwerk aus guter Laune verschiessen Musiker und Artisten ihr Können. Die Höhner: Sie liefern grandiose Musik. Von wegen "die können nur Karneval". Da ist alles bei. Fasteloovend, klar. Aber auch diese wunderbaren, von Gitarren-, Saxophon- und Klaviersoli getragenen Balladen. Oder die gekonnte Höhner Half Rock'n Roll-Nummer samt komischen Einlagen mit einem Pianisten, der plötzlich Kopf steht. Freche Lieder, liebliche Lieder, mysteriöse Gesänge, einfach alles.
Roncalli hat eigens für die Staffel in Aachen das Programm von Singsalabim komplett überarbeitet. Und, (Zirkus-)Adel verpflichtet, wohl die Besten ihres Genres ins Zelt am Finanzamt gelockt. Oh, könnte die Freimütigkeit doch auch über die Strasse ins Finanzzentrum springen...
Markenzeichen von Höhner Rockin' Roncalli ist die perfekte Symbiose. Immer, immer hat die Musik einen Bezug zur Nummer. "Hallo, jeht et Dir jot, ist alles im Lot?", singen sie schon zur poetischen Einstandsnummer mit den Kindern des Aachener Kinderzirkusses Configurani. "Wo ist die Zick nur hin?", fragen sie wehklagend, als das Mädchen ihre Jugend genommen bekommt, bei der grandiosen Rollschuh-Schleudernummer von Roma und Sven starten die Kölschrocker mit Jetz jeht's los durch.
Zweieinhalb Stunden dauert er, der flotte Reigen. Zu sehen und hören gibt es das unvergleichliche Duo Espressyia, beste russische Artistenschule, die sich da an weissen Bändern durch die Zirkuskuppel schwebend zeigt, eine Reihe völlig unfassbarer Nummern, deren unverständlichste vielleicht die Quick Change-Geschichte von Les Sudarchikov ist, einem ebenfalls russischen Duo, die es schaffen, in Sekundenbruchteilen ihre Kleider zu wechseln. Wer das verstehen oder erklären kann: Bitte melden, er oder sie bekommt eine Flasche Sekt.
Typisch für die gesamte Show auch: die Höhner, die gleichzeitig auch die Conferenciers, Zirkusonkels und Showmaster geben, sind so nett. Witzeln über die Stadt der grossen Illusion und lassen völlig offen, ob sie damit nicht vielleicht doch Aachen und die Alemannia meinen. Fragen den klein gewachsenen Aachener Oberbürgermeister Dr. Jürgen Linden singender Weise, wo denn schon die Grossen mal für die Kleinen singen. Singen aus ganzem Herzen ihr "Tut doch gar nicht weh", als ein Magier einer jungen Dame, die - wunder, oh Wunder - heile bleibt, gleich mehrfach den Kopf umdreht...
Und die Moral von der Geschicht? Oh ja, die gibt es. Aufmerksame Zuschauer erleben sie in der Schlüsselperson, in der Lichtgestalt des Kristalleon. Der ist ein Weisskopfclown, der die Traurigkeit, die solchen meist zueigen ist, in einem sphärischen zarten Melodienklang überwindet und gleichzeitig hell erstrahlt, weil sein Kostüm, über und über mit Spiegeln besetzt, so wunderbar das Licht in die diesige Zirkusluft zurückwirft. In einem liebevollen, fast orgiastischen Tanz mit seiner Kumpanin, der sphärisch verleuchtdrahteten Florence Lightingale, verströmen die beiden Liebe, Hoffnung und sehr viel Poesie - und zwar ohne, dass Singsalabim in den Kitsch abzudriften drohen würde.
Dass dem nich so ist, dafür sorgt auch die herrliche Startenor-Parodie des Luciano Parmarotti der mit BH als Schweisstuch La donne nobile proklamiert, auch mal den Jackson*#39;schen Moonwalk hinlegt und ganz offensichtlich Playback singt. Oder die atemberaubenden Nummern von Freddy Nock und seinem mongolischen Kumpanen Mica im Todesrad und auf dem Hochseil. (Szenisch hübsch untermalt von den Höhnern mit Wenn nicht jetzt, wann dann?, als Nock sich am Salto Mortale im Todesrad versucht.) Oder bei der unvergleichlichen Nummer, die Roncalli den Höhnern auf den Leib geschmiedet hat: Zu Dicke Mädchen haben schöne Namen tänzelt Ballerina Georgette de Paris (Georg Leiste) als fettleibige Ballerina über ein armdickes Seil, dass von Freiwilligen aus dem Publikum hochgehalten wird.
Die Moral ist: Alles wird jot. Das geben die Höhner und Roncalli dem traurigen Clown Antonio mit, das wird klar, als die plötzlich erwachsene Rollschuhläuferin in der Zirkuskuppel auf einer gigantischen Schaukel gedankenverloren, unbeschwert, ja, befreit, wieder wie das kleine Mädchen vom Anfang schaukelt.
Zweieinhalb Stunden, Artisten und Musiker aus fünf Erdteilen, 1.450 Zuschauer: das Finale vereint noch einmal Musik und Artistik, Emotion und jeden einzelnen im Zelt. Kolarius, der Fiese vom Anfang: in der Schlussszene ist er umringt von all denen, die ihr bestes gegeben haben, um Träume wahr werden zu lassen. Und da lässt Kolarius die Maske fallen. Heraus kommt Kristalleon, die Lichtgestalt. Moral: jeder kann an das Schöne geranreichen. Wenn er oder sie nur fest genug daran glaubt.
Felix Lennertz
Andreas Schmitter: Fotos
Aachener Zeitung, den 5. Mai 2007
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